Das Glück kommt zum tüchtigen Hamilton

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Beim Saisonfinale steht die Formel 1 Kopf – für Hülkenberg, der sich im Wagen überschlägt. Hamilton gelingt ein perfektes Teamwork. Und ein zweimaligen Weltmeister fährt in Abu Dhabi in den Formel-1-Ruhestand.

Und zum Abschied eine Ehrenrunde mit dem Überrundeten: Lewis Hamilton im Mercedes und Ferrari-Pilot Sebastian Vettel nahmen den zweimaligen Weltmeister Fernando Alonso (McLaren) am Sonntagabend in ihre Mitte und begleiteten ihn auf vier Rädern in den Formel-1-Ruhestand. Nach 311 Grand Prix und 32 Siegen in 17 Jahren fiel es dem Spanier leicht, (vorerst) Abschied zu nehmen. Als Elfter im hoffnungslos zu langsamen McLaren hatte er auch beim Saisonfinale in Abu Dhabi keine rechte Freude mehr an dem, was Weltmeister sonst entzückt, motiviert und auf Touren hält: „Es hat nicht viel gefehlt diesmal“, sagte Minuten später Vettel und schlug dem Sieger des 21. Grand Prix auf die Schulter. Hamilton gewann zum 11. Mal in dieser Saison, kam 2,5 Sekunden vor seinem deutschen Rivalen und dem Dritten, Max Verstappen (12,7) im Red Bull, ins Ziel. Mit nun 73 Siegen fehlen dem „verdienten Weltmeister“ (Vettel) noch 18, um Rekord-Sieger Michael Schumacher (91) einzuholen.

Vettel plant wenigstens eine Verzögerung: „Wir wollen im nächsten Jahr stärker zurückkommen und ihm eine harte Zeit bereiten. (…) Wir wissen, wo unsere Schwächen sind.“ Die Abschiede von der Saison verliefen am Sonntag nicht alle so harmonisch wie Alonsos Rückzug. Nico Hülkenberg beendete seinen Auftritt beim Großen Preis von Abu Dhabi in der neunten Kurve als Fluggast in seinem Boliden mit einer anderthalbfachen Drehung um die Längsachse. Das war die aufregendste Tour des Abends, aber keine freiwillige.

Angestoßen vom Haas-Boliden des Franzosen Romain Grosjean in einem Zweikampf um Rang zehn stieg der Renault des Rheinländers in die Luft und blieb kopfüber an der Streckenbegrenzung hängen. „Bist Du ok?“, fragte das Team über Funk, „ja“, antwortete Hülkenberg ruhig, „aber es brennt, es brennt.“ Das Löschen dauerte Sekunden, die Befreiung Hülkenbergs aus dem Cockpit Minuten: „Ich hänge hier drin wie eine Kuh.“ Solange, bis eine Schar Streckenposten den demolierten Rennwagen auf die Räder stellte. Hülkenberg blieb unverletzt und schaute sich das Rennen von der Boxenmauer an. Er sah, dass sein Crash eine symbolische Bedeutung hatte für den Verlauf des Rennens. Kaum ein Plan ging auf.

Kimi Räikkönen hatte sich für seinen zweiten und endgültigen Abschied von Ferrari zwar nichts Besonderes vorgenommen. Im Gegenteil. Rang Drei zu verteidigen gegen Valteri Bottas (Mercedes) erschien ihm eher eine Last. Weil ein Erfolg eine Teilnahme an der Gala nach sich zieht. „Das muss nicht sein.“ Im Rennen kam es aber gar nicht zum Duell. Denn in Runde sieben rollte der Ferrari aus, auf der Zielgeraden. Auf der hatte sich die Scuderia nach Jahren der erfolglosen Jagd auf Mercedes schon gesehen, ehe der Fahrgemeinschaft vom Spätsommer an die Luft ausging. Auch in Abu Dhabi litt Ferrari unter der schlechteren Aerodynamik. Das Auto fuhr auf der Geraden am Schnellsten, rutschte aber wegen zu wenig Abtrieb in den Kurven und verlor mehr Zeit dabei, als Vettel beim Sprint gewinnen konnte.

Hamilton steuerte in den letzten acht Rennen den besseren Rennwagen, unterstützt von einer besseren Crew. Am Sonntag brauchte sie für den Boxenstopp 2,5 Sekunden. Vettels Serviceleute 3,7, wenig aus der Sicht des gemeinen Autofahrers, viel zu viel aus der Perspektive des grimmig dreinschauenden Teamchefs Maurizio Arrivabene. Er hatte schon mitanschauen müssen, wie das Weltmeisterteam die Safety-Car-Phase während des Abtransports von Räikkönens Ferrari genutzt hatte: Mit dem ersten Boxenstopp nach nur sieben Runden. Alle anderen Siegkandidaten blieben auf der Piste.

Ein cleverer Schachzug. „Ich muss den Ingenieuren danken“, sagte Hamilton. Er fädelte als Fünfter wieder ein und brauchte nur Geduld. Das Glück kommt zum Tüchtigen. In Abu Dhabi fallen im November laut Statistik drei Millimeter Regen. Die Tropfen reichten nicht, das Grand-Prix-Feld durcheinander zu wirbeln. Niemand musste die Reifen wechseln. Aber die leichte Abkühlung schonte Hamiltons Pneus. Und so rückte er nach den Boxenstopps von Vettel, Bottas und Verstappen auf Rang zwei vor, direkt hinter Daniel Ricciardo im zweiten Red Bull. Hinter jenen Piloten, der vor dem Start erklärt hatte, alles riskieren zu wollen in seinem letzten Grand Prix für den Brausemixer vor dem Wechsel zu Renault.

Gesagt, getan. 33 Runden fuhr der Australier ohne einen einzigen Boxenstopp mit seinem ersten Satz Reifen, davon an der Spitze 26. Noch einmal zeigte Red Bull die Qualität des Rennwagens. Die Aerodynamik ist so gut, dass manche Reifenmischung, gemessen am Tempo, länger hält als bei jedem anderen Team. Es fehlt der Schub auf der Geraden, ein stärkerer Antrieb. Zum nächsten Jahr ersetzt Honda die Renault-Aggregate. Gelingt den Japanern ein Sprung, dann könnte Red Bull den Kampf um die WM erweitern.

Am Sonntag gab es einen Vorgeschmack auf das ersehnte Szenario: Verstappen drückte sich in der 38. Runde an Bottas vorbei. Ohne Rücksicht auf die Lackierung des Silberpfeils und dessen linkes Vorderrad. Ein Tusch für ein überraschendes, wie gekonntes Touchieren. Allerdings klagte der Finne über die Bremsen. Ein paar Runden vorher schon war Vettel am Co-Piloten von Hamilton vorbeigezogen und ließ plötzlich erkennen, wie stark es in der modernen Formel 1 auf das Gespür für Taktik ankommt. Runde um Runde näherte er sich dem führenden Hamilton. Weil er seine Reifen geschont hatte für die Schlussattacke: „Ich hoffte, dass seine einbrechen würden zum Ende.“ Vettel drückt den Rückstand fünf Runden vor Schluss auf 4,2 Sekunden.

In der Ferrari-Box kneten Mechaniker ihre Finger. Ein Sieg noch, das wäre ein versöhnliches Finale, ein Schub für den nächsten Versuch, im neuen Jahr endlich wieder Weltmeister zu werden. Aber Mercedes und Hamilton bewiesen zum letzten Mal in diesem Jahr ihre Überlegenheit in den Details, ihre Fehlerlosigkeit. „Wir haben stark angefangen und in der Mitte und am Ende der Saison nicht genügend Tempo gehabt“; sagte Vettel und sprach eigene Fehler an: „Dazu sind ein paar Unachtsamkeiten gekommen.“ Immerhin verabschiedete sich die Formel 1 mit einem Versprechen: Sieger, Zweiter und Dritter aus drei verschiedenen Teams winkten vom Podium. Das Bild eines bunten Dreikampfs soll die Zukunft bestimmen. Nur einer wirkte etwas mürrisch: Räikkönen muss zur Gala.

 

Quelle:http://www.faz.net/aktuell/sport/formel-1/formel-1-finale-in-abu-dhabi-lewis-hamilton-siegt-15908513.html

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